Text-Bild-Ansicht Band 318

Bild:
<< vorherige Seite

Die Entwicklung der Glasblasemaschine.

Von Dr. Wendler, Charlottenburg.

In den letzten Jahren hat die Frage des maschinellen Glasblasens auch in Deutschland praktische Bedeutung gewonnen. Die Zahl der im Gebrauch befindlichen Maschinen vermehrt sich beständig und ebenso das Interesse, welches die Technik, insbesondere die Glastechnik, dieser Maschine zuwendet. Nicht gering ist die Zahl derer, welche von der Einführung der vorhandenen Maschinen in der Praxis berührt werden, sowie derer, welche die Bemühungen um die Verbesserung des maschinellen Glasblasens fortsetzen. Beiden mag es vielleicht erwünscht sein, an dieser Stelle einen Ueberblick über das bisher auf diesem Gebiete Geleistete zu erhalten. Ein solcher Ueberblick ist unseres Wissens in einigermassen vollständiger Form bisher nicht gegeben worden, und auch durch Zurückgreifen auf die Quelle, d.h. die Patentlitteratur, bei deren ganz beträchtlichem Umfange, nicht leicht zu gewinnen.

Wie gross die auf diesem Gebiete geleistete, erfinderische Arbeit ist, mag daraus entnommen werden, dass die ersten Versuche das Problem des Glasblasens zu lösen, mindestens 30 Jahre zurückliegen. Wie gross die zu überwindenden Schwierigkeiten sind, davon redet ferner die Thatsache, dass selbst in Amerika, das in der Ausbildung der neuen Technik die Führung ergriffen, die industrielle Ausbeutung des neuen Arbeitsverfahrens noch nicht ein Jahrzehnt alt sein dürfte, dass vielmehr das Handwerk des Glasblasens bis in die letzte Zeit der Mechanisierung, die fast alle Gebiete der Technik ergriffen, im Grossen Ganzen Widerstand geleistet hat.

Die nachstehende Uebersicht soll eine Art Entwickelungsgeschichte, natürlich nur in grossen Zügen, zu geben versuchen, indem die augenblicklich im Gebrauch oder in der Einführung befindlichen verschiedenartigen Maschinen möglichst bis in ihre Anfänge zurück verfolgt werden sollen. Da für die ältere Litteratur eine übersichtliche Registrierung nicht vorliegt, so mag vielleicht ein hier als erster bezeichneter Versuch nicht der wirklich allererste sein. Wohl aber dürfte die dargestellte Entwickelung der Wirklichkeit entsprechen.

Vergegenwärtigen wir uns in aller Kürze die Herstellung eines Glashohlkörpers durch den Glasbläser. Durch wiederholtes Eintauchen der Pfeife in das geschmolzene Glas wird eine zur Herstellung des zu erzeugenden Glaskörpers ausreichende Menge Glases aufgenommen (das Aufnehmen). Darauf wird durch kurzes Einblasen von Luft in den „Glasposten“ die innere Höhlung vorgebildet; die Glasblase wird an der Pfeife in eine flache schalen artige Form, die Motz, eingelegt, und ihr durch Drücken, Drehen, Stauchen und Ausziehen und ähnliche Handgriffe, unter immer wiederholtem kurzen Einblasen, eine vorläufige Gestalt gegeben, welche als „Külbel“ bezeichnet wird (die Motzarbeit). Soll ein Körper von langestreckter, z.B. Flaschenform, erhalten werden, so lässt man das Külbel unter seinem eigen Gewicht, unterstützt durch Schwingen der Pfeife, sich strecken. Ausser der vorläufigen Formgebung hat diese Zwischenarbeit den sehr wichtigen Zweck, die Wandstärke und die von der Temperatur abhängige Dehnbarkeit des glühenden Glases auf der ganzen Umfläche des Külbels so auszugleichen, dass bei der dritten Arbeitsstufe, dem Fertigblasen, ein Glaskörper von möglichst gleichmässiger Wandstärke und ohne innere, aus ungleicher Abkühlung entspringende Spannungen erhalten wird. Diese dritte Arbeitsstufe besteht nun einfach darin, dass das Külbel in eine Form mit den endgiltigen Abmessungen eingehängt und darin bis zur Ausfüllung der Form aufgeblasen wird.

Unter den Maschinen, welche die Nachbildung des eben beschriebenen, grosse Handfertigkeit und körperliche Ausdauer voraussetzenden Arbeitsvorganges bezwecken, kannman drei Hauptgruppen unterscheiden: 1. die Fertigblasemaschinen, 2. die Press- und Blasemaschinen und 3. die Giess- und Blasemaschinen oder Flaschenblasemaschinen. Die Maschinen der ersten Gruppe führen nur die dritte der oben unterschiedenen Arbeitsstufen, das Fertigblasen, aus. Ihre Entwickelung sei zunächst verfolgt.

Die ältesten Versuche, Glas mit mechanischen Mitteln fertig zu blasen, beschränken sich darauf, das Fertigblasen mit der Kraft der Lungen zu ersetzen durch Blasen mittels Pressluft. Sie sind wahrscheinlich noch erheblich älter als die amerikanische Patentschrift 89 127 aus dem Jahre 1869, in welcher vorgeschlagen wird, eine Pressluftleitung um den Ofen zu legen und an jedem Arbeitsplatz ein mit Ventil versehenes Mundstück von solcher Einrichtung abzuzweigen, dass beim Einsetzen der Pfeife (an welcher das fertig bearbeitete Külbel hängt) in das Mundstück das Oeffnen des Ventils und das Fertigblasen durch die eindringende Pressluft bewirkt wird.

Etwas weiter geht ein recht unbeholfen aussehender Versuch des englischen Glastechnikers Armstrong (Britische Patentschrift 16268 von 1886), der mehrere Glasbläserpfeifen an einem durch den Glasbläser zu handhabenden (also z.B. auch in den Ofen einzuführenden!) Gestell in solcher Weise vereinigt, dass sie mit einer Kurbelscheibe gemeinschaftlich von Hand gedreht und aus einer Luftkammer des Gestells, welche durch einen Schlauch mit der Pressluftleitung verbunden wird, gemeinschaftlich mit Luft gespeist werden können. Wenn derselbe Erfinder, um dem Glasbläser das schwerfällige Gestell wenigstens während des Blasens aus der Hand zu nehmen, in der deutschen Patentschrift 46704, ein besonderes Gerüst vorsieht, in welches das mit Glas beschickte Pfeifengestell so eingesetzt werden kann, dass jede Pfeife sich oben an eine Pressluftdüse und unten an eine Form anschliesst, so stellt auch diese Fertigblasemaschine mit mehrfacher Wirkung kaum mehr als ein Kuriosum vor.

Textabbildung Bd. 318, S. 105
Textabbildung Bd. 318, S. 105

Die erste, klar gedachte Fertigblasemaschine, mit einfacher Wirkung und in der einfachsten Gestaltung, dürfte die von Rylands und Stoner (brit. Patentschrift 1431 von 1887) sein. Wenn das Külbel an der Pfeife 2 (vgl. Fig. 1) zum Fertigblasen bereit ist, wird die zweiteilige Form T mit dem Handhebel 6 aufgeklappt, das Külbel in dieselbe eingehängt und mittels des Tritthebels 3 die Ventildüse S mit dem Gummimundstück S1 auf das obere Ende der Pfeife aufgesetzt. Das ödere Ende der Pfeife stosst das Ventil S6 auf, sodass die