Text-Bild-Ansicht Band 318

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geerdeten Kupferdraht einen 30 cm langen Funken überspringen zu lassen.

Die Versuche wurden begonnen, als das Schiff auf seiner Fahrt nach Kronstadt bereits 500 km von Poldhu entfernt war. Anfänglich wurden die Signale nicht sehr gut erhalten, dieselben verbesserten sich aber bis zur Vollkommenheit, nach dem die genaue Abstimmung vorgenommen war. Während der Fahrt nach Kronstadt konnten die Zeichen mit wenigen Ausnahmen fast stets mit dem elektromagnetischen Wellenempfänger deutlich wargenommen werden. Die Aufnahme der Zeichen mit dem Morseschreiber blieb jedoch teilweise mangelhaft. Zu bemerken ist hierbei, dass grosse Strecken Landes in der Luftlinie zwischen Poldhu und dem Schiffe lagen, die trotz der grossen Bodenerhebungen, wie solche namentlich Skandinavien aufweist, den Verkehr nicht behinderten. In Kronstadt, 1700 km von Poldhu. kamen die Zeichen nur mehr kaum vernehmlich an. Es wurde demnach die Auffangvorrichtung des Schiffes in der Weise abgeändert, dass, wie sich dies aus Fig. 76 ergibt, 50 Drähte wohl isoliert gespannt wurden. Hierdurch liess sich eine bessere Abstimmung erzielen, und konnten nunmehr die Zeichen auf der Rückfahrt stets ohne besonderen Anstand aufgenommen werden. Selbst in dem fast ganz vom Lande umschlossenen Hafen von Kiel, in welchem das Schiff im Innenhafen Aufstellung nahm, wurden alle Nachrichten mit beiden Empfängern anstandslos aufgenommen. Gewitterstörungen machten sich wohl teilweise bemerklich, doch konnte deren Wirkung durch entsprechende Vergrößerung der Kapazität und Induktanz beträchtlich herabgemindert werden. Der Einfluss des Tageslichtes trat auch bei diesen Versuchen, sobald die Entfernung zwischen Sende- und Empfangsstation mehr als 1000 km betrug, störend auf.

Textabbildung Bd. 318, S. 446

Bei der Rückkehr nach Porthmouth wurde die Auffangvorrichtung des Schiffes neu hergestellt, wobei 54 Drähte, die 50 m über der Brücke in die Höhe reichten, eingestellt wurden, da die Versuche auch auf der Rückkehr des Schiffes nach Italien fortgesetzt werden sollten und zu diesem Zwecke mit Rücksicht auf die grosse Entfernung, sowie die grössere Masse zwischenliegenden Landes, bessere Empfangsbedingungen geschaffen werden mussten. Auch bei dieser Fahrt zeigte sich die Aufnahme als eine vollkommen verlässliche. Im Hafen von Cadix wurden alle Nachrichten am Schiffe früher bekannt als am Lande, trotzdem das fast ganz Spanien in der geraden Verbindungslinie lag. Auch im Hafen von Gibraltar und bei der Einfahrt in das Mittelmeer machte sich eine Verschlechterung der Aufnahme nicht wahrnehmbar. Während der Fahrt im Mittelmeer wurden eine Reihe von Depeschen mittels des Morseschreibers aufgenommen. Die grösste erreichte Entfernung betrug 1540 km.

Auch bei diesen Versuchen traten häufige Störungen durch atmosphärische Entladungen auf. Dieselben konnten aber zumeist in der- bereits erwähnten Weise unschädlich gemacht werden. Das zwischenliegende Land mit den hohen Erhebungen der Alpen übte bei diesen Versuchen keinerlei hindernden Einfluss aus.

Auf Grund dieser Versuche gelangt Marconi zu folgenden Schlussfolgerungen.

1. Für die Entfernung, über welche elektrische Wellen auf der Erde entsendet werden können, gibt es keine Grenze, wenn die Energie der Uebertragung im Verhältnis zu der Entfernung steht.

2. Zwischen zwei Stationen liegendes Land behindert den Verkehr nicht.

3. Sonnenlicht verringert die Entfernung, auf welche elektrische Wellen übertragen werden können, und wird es daher notwendig, bei Tag grössere Energiemengen aufzuwenden als bei Nacht.

4. Der Einfluss von atmosphärischen elektrischen Entladungen macht es notwendig, die Empfindlichkeit der Empfangsapparate zu verringern, um diesen Einfluss unschädlich zu machen. Infolgedessen muss jedoch auch die für die Uebertragung aufgewendete Energie vergrössert werden, um für den Verlust an Empfindlichkeit einen Ersatz zu schaffen.

5. Der elektromagnetische Wellenanzeiger erweist sich infolge seiner grossen Empfindlichkeit und sicheren Wirkung dem Fritter gegenüber als überlegen.

Um noch einen Anhaltspunkt für den bei Fernübertragungen, wie solche über den atlantischen Ozean in Aussicht genommen sind, erforderlichen Energiebedarf zu geben, sei erwähnt, dass in den beiden Stationen Cornwall in Europa und Kap Breton in Amerika, je eine Wechselstrommaschine von annähernd 32 Kilowatt Leistung zur Anwendung gelangt, welche einen Wechselstrom von 2000 Volt Spannung liefern. Dieser Strom wird durch einen Transformator auf 20000 Volt hinauf transformiert. In den verwendeten Kondensatoren soll diese Spannung bis auf 70000 Volt erhöht werden.

Ueber den Wert der drahtlosen Ozeantelegraphie sind die Ansichten noch nicht geklärt, doch fällt das Urteil in der Mehrzahl der Fälle absprechend aus, indem einesteils die Sicherheit einer derartigen Uebertragung infolge der auftretenden atmosphärischen Störungen angezweifelt wird, und auch eine Geheimhaltung der übermittelten Nachrichten, zur Zeit wenigstens, trotz Abstimmung vollständig unmöglich ist. Der berechtigste Einwand ist aber der, dass solche mächtige Stationen den Betrieb aller im Umkreise von mehreren 100 km liegenden Stationen stören, wodurch eben der Hauptvorteil der drahtlosen Telegraphie, die Möglichkeit des gegenseitigen Verkehres der Schiffe mit den Küstenstationen und unter sich, verloren geht.

Fleming behauptet dagegen auf Grund seiner eingehenden Versuche, dass eine derartige Störung nicht stattfindet. Dr. G. Seibt findet jedoch andererseits, dass die Verstimmung zwischen Sender und Empfänger bisweilen nicht gross genug ist, wenn der Sender längere Wellen entsendet, als jene, auf welche der Empfänger abgestimmt ist, um ein Ansprechen des letzteren zu verhindern, und glaubt demnach, dass die erwähnten Störungen unvermeidlich sind, weil für die Ueberwindung sehr grosser Entfernungen sehr lange Wellen zur Entsendung gelangen müssen.

Dritter Bericht über den V. Internationalen Kongress für angewandte Chemie.

Farbstoffe und ihre Anwendung.

Sektion IVb.

Die Farbstoffe und ihre Anwendung umfassen ein grosses Gebiet: alle Völker, alle Volksklassen, alle Berufsstände verwenden Farben und es gibt wohl keine Art Gebrauchsgegenstände, die nicht durch Färben mehr oder minder verschönt und dem Auge angenehmer gemacht würde. Vom frühesten Altertum ab hat die Zubereitung und Herstellungder Farben eine bedeutende Rolle gespielt, und heute noch ist es die Farbstoffchemie, welche den grössten Reiz auf den alten und jungen Chemiker ausübt. Ihren glänzenden – scheinbaren und wirklichen – Erfolgen ist sicher auch ein grosser Teil der Schuld an der heutigen Ueberproduktion an Chemikern zuzuschreiben.

Es ist selbstverständlich, dass bei den Verhandlungen auf einem so interessanten Gebiet der Chemie vielfach