Text-Bild-Ansicht Band 322

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langsamer entwickelt, als der Drehstrommotor. Jetzt ist aber unzweifelhaft der Beweis erbracht, daß der Wechselstrom-Reihenmotor dem Gleichstrommotor in bezug auf Geschwindigkeitsregelung in keiner Weise nachsteht und dem Drehstrommotor gegenüber den Vorteil der Gruppenschaltung aufweist, während die Fahrdrahtverhältnisse in keiner Weise Schwierigkeiten bieten.

Die ersten größeren Wechselstromlokomotiven wurden in Nordamerika von der General Electric Comp. erbaut. Im Anschluß an die dortigen Erfahrungen hat auch die Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft auf Veranlassung der preußischen Staatseisenbahn – Verwaltung auf ihrer Versuchsbahn nach Spindlersfelde ausgedehnte Versuche während zweier Jahre unternommen.

Andere Elektrizitätsfirmen sind der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft gefolgt.

Die Fragen, die bei den Spindlersfelder Versuchen gelöst wurden, bezogen sich u.a. in erster Linie auf die Aufhängung des Fahrdrahtes und auf die menschensichere Durchkonstruktion der Hochspannungsanlage der Lokomotive. Die bei Straßenbahnen übliche direkte Aufhängung des Fahrdrahtes an den Auslegerarmen der Masten wurde verlassen und eine mittelbare Aufhängung mit Hilfe eines oder zweier Tragedrähte gewählt, welch letztere ihrerseits an den Auslegern befestigt sind. So gelang es, dem Fahrdraht eine der geraden Linie sehr ähnliche Gestalt zu geben, indem man ihn in Abständen von 3 m am Tragedraht befestigte, während bei der gewöhnlichen direkten Aufhängung der Fahrdraht aus aneinander gereihten Seilkurvenabschnitten besteht, die in den Aufhängepunkten mit einem Knick aneinander schließen. Jene Maßregel ist bei den großen Fahrgeschwindigkeiten, die sich auf über 100 km/Std. belaufen werden, unerläßlich, soll nicht anders der Stromabnehmer an den Aufhängepunkten unzulässige Schläge auf den Fahrdraht ausüben.

Die Andrückvorrichtung des Stromabnehmers wurde pneumatisch ausgeführt, so daß sie vom Führerstand aus bequem betätigt werden konnte. Gleichzeitig verband man mit der pneumatischen Einrichtung ein Hebelwerk, welches bei angedrücktem Stromabnehmer die Hochspannungskammer des Wagens geschlossen hält, so daß der Führer nur bei abgezogenem Bügel, d.h. bei völliger Spannungslosigkeit der Leitungsanlage die Hochspannungskammer betreten kann. Außerhalb der Hochspannungskammer befinden sich aber nur solche Leitungsteile, welche den auf die niedrige Verbrauchsspannung der Motoren herabtransformierten Strom führen.

Unter solchen Vorsichtsmaßregeln gelang es, den Betrieb auf der Spindlersfelder Strecke zwei Jahre lang ohne jeden Unfall durchzuführen.

Seitdem hat sich der Wechselstrom in immer stärkerem Maße das Gebiet des Bahnbetriebes erobert, so daß es jetzt 30 Wechselstrombahnen mit zusammen 1200 km Betriebslänge gibt. Die angewendeten Spannungen gehen bis 15000 Volt, die Geschwindigkeiten bis 112 km/Std. Der Vortragende geht nun über zur Frage der Elektrisierung des ganzen preußischen Staatsbahnnetzes.

Als Fahrdrahtspannung werden 6000 Volt gewählt. Diese Spannung wird dem Fahrdraht von Transformatorwerken zugeführt, die in Abständen von 40 km längs der Bahnstrecken verteilt sind. In den Transformatorwerken wird der 6000 Voltstrom aus 15000 Voltstrom erzeugt, welch letzterer den Transformatorwerken aus den Kraftwerken geliefert wird. Solcher Kraftwerke sind 30 vorhanden, indem man den Wirkungsradius eines Kraftwerkes an 200 km festsetzt. In den Kraftwerken wird der 15000 Volststrom mittels Dampfturbinen erzeugt.

Unter Benutzung der Betriebsergebnisse und der Betriebsstatistik der preußischen Staatsbahnen von 1904 unternimmt dann der Vortragende eine Schätzung der Anlage und Betriebskosten für die geschilderte Anordnung.

Die Schätzungen beruhen in erster Linie auf dem statistisch geführten Nachweis, daß von den 17000 preußischen Staatsbahn-Lokomotiven nur 54 v. H. zu gleicher Zeit im Zugdienst verwendet werden, die übrigen 46 v. H. sind entweder in Reparatur, oder in Betriebsvorbereitung oder in Reserve.

Da nun die elektrische Lokomotive vermöge ihrer Konstruktion weniger Reparaturen erfordert und sie außerdem immer betriebsbereit ist, wird die erforderliche Anzahl an elektrischen Lokomotiven auf 64 v. H. der Dampflokomotiven berechnet. Hiermit ergibt sich ein Anlagekapital für die Beschaffung der elektrischen Lokomotiven von 535 Mill. M. Die Anlagekosten für die Fahrdraht- und Transformator-Werkanlage sind berechnet auf 345 Mill. M, so daß die gesamten Anlagekosten sich auf 880 Mill. M belaufen werden.

Die Betriebskosten werden berechnet unter der Annahme, daß die Eisenbahnverwaltung den 15000 Voltstrom für die Transformatorwerke von Privaten bezieht und daß es diesen möglich sei, die elektrische Energie zu 3,5 Pfg. für die KW-Std. zu liefern. Die weitere Diskussion aller Posten der mit dem Dampfbetrieb verbundenen Betriebskosten führt schließlich zu dem Ergebnis, daß durch Einführung des elektrischen Vollbahnbetriebes eine Betriebskostenersparnis von 47 Mill. M zu erzielen sein wird. Dieser Betrag würde aber hinreichen, das Anlagekapital von 880 Mill. M. mit 5 v. H. zu verzinsen.

Die ganze Schätzung ist sehr vorsichtig durchgeführt; in Wirklichkeit wird das Ergebnis wahrscheinlich günstiger sein. Gar nicht in Anschlag gebracht sind aber die Vorteile, die das Vorhandensein von billiger Energie längs des Bahnnetzes im Gefolge haben wird. Rechnet man ferner den günstigen Einfluß hinzu, den die Erhöhung der Verkehrsgeschwindigkeit auf das gesamte Wirtschaftsleben ausüben wird, zieht man schließlich noch die militärischen Vorteile und die Annehmlichkeit der verminderten Rauchplage in Betracht, so ergibt sich als Gesamtresultat der Wunsch, daß es der preußischen Staatsbahnverwaltung gelingen möge, der Elektrisierung ihres Bahnnetzes in nicht allzu ferner Zeit näher zu treten. Daß die Absichten der Verwaltung diesem Wunsche nicht abgeneigt sind, zeigt das Interesse, welches sie jederzeit an Schnell- und Fernbahnversuchen genommen, und welches neuerdings in dem Projekt einer elektrischen Vollbahn von Altona nach Kiel mit 120–150 km/Std. Geschwindigkeit zum Ausdruck kommt.

Dr. Hort.

Zeitschriftenschau.

Apparate.

Pyrometereichung. (Holborn und Valentiner.) Vergleich der Thermokraft des Le Chateller-Pyrometers bis zu 1600° C mit dem Luftthermometer. Das Gefäß des Luftthermometers bestand aus Platiniridium (20 v. H. Ir.) und war mit reinem Stickstoff gefüllt; es wurde in einem elektrischen Widerstandsofen erhitzt, dessen Heizkörper aus einem Platinzylinder von 0,01 mm Wandstärke und 5,5 mm Durchmesser bestand. Eine Akkumulatorenbatterie von 16 oder 24 Volt Spannung lieferte den Heizstrom; im Dauerzustande lieferten 100, 125 und 135 Amp.