Text-Bild-Ansicht Band 324

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Zinnpest.

In einem vor kurzem in der Abteilung- für Maschinen- und Schiffbau des Kon. Instituut van Ingenieurs in Holland gehaltenen Vortrag hat Prof. Ernst Cohen aus Utrecht eine Zusammenfassung gegeben seiner seit 1899, teils in Gemeinschaft mit Dr. C. van Eyk und Dr. E. Goldschmidt ausgeführten Untersuchungen über die verschiedenen allotropen Zustände des Zinns1). Wir entnehmen diesem Vortrag im folgenden das Wichtigste, indem das Studium dieser Modifikationen nicht nur aus anorganischem und physikalisch-chemischem Gesichtspunkt interessant ist, sondern auch ein technisch wichtiges Ergebnis gezeitigt hat2)

Textabbildung Bd. 324, S. 90

In der chemischen und technischen Literatur der letzten 50 Jahre finden sich zahlreiche Angaben über Strukturänderungen des Zinns, die von den betr. Verfassern verschiedenen Ursachen, namentlich auch Verunreinigung des Materials, Erschütterungen, denen das Metall ausgesetzt ist (z.B. bei Orgeln), chemischen Einwirkungen und Temperatureinflüssen zugeschrieben wurden.

Textabbildung Bd. 324, S. 90

Obwohl O.L. Erdmann schon im Jahre 185 1 einiges über die hier in Frage kommende, von ihm an alten Orgelpfeifen der Kirche in Zeitz beobachtete Erscheinung mitteilte, so wurde die Aufmerksamkeit doch eigentlich erst auf diese Tatsachen gelenkt, als Fritzsche in Petersburg achtzehn Jahre später etwas ausführlichere Mitteilungen über seine Beobachtungen in dieser Frage machte. Von einer in einem Lagerraum aufbewahrten Menge Banka-Zinn war ein erheblicher Teil vollständig unverändert geblieben, während eine Anzahl Blöcke eine mehr oder weniger tief eingreifende Veränderung in ihrer Struktur erlitten hatten. Diese letzteren besaßen eine bröckliche Beschaffenheit, wobei einzelne oberflächliche Stellen sich sogleich dadurch kenntlich machten, daß an ihnen ein warziges Auftreibender Oberfläche stattgefunden hatte. Andere Blöcke dagegen hatten entweder unter gänzlichem Verluste ihres metallischen Glanzes durch ihre ganze Masse ein mattes Aussehen und eine strahlig stengliche Beschaffenheit angenommen, oder zeigten nur äußerlich eine kristallinisch erscheinende Struktur, besaßen aber innerlich noch ihre metallische Beschaffenheit. Die veränderten Blöcke stellten teilweise ein körniges, sandartiges Pulver dar, teilweise aber bildeten sie noch lose zusammenhängende Stücke von allen Dimensionen bis zur Faustgröße von faseriger Beschaffenheit.

Vor kurzem wurde ein Block Banka-Zinn, welches die soeben beschriebenen Erscheinungen zeigt, von einer Firma in Moskau an die niederländische Lieferantin zur chemischen Untersuchung zurückgesandt, da man offenbar an Verunreinigung des Materials glaubte. Es wurde aber festgestellt, daß sowohl der etwa 25 kg schwere Block, wie das kiloweise heruntergefallene Metall reines Zinn (99,96 v.H. Sn) ist. Dem in Fig. 1 dargestellten korrodierten Block ist in Fig. 2 ein unveränderter Block zum Vergleich gegenübergestellt. Es ist interessant zu sehen, welche Meinungen von den verschiedenen Formscheren über die Ursachen der hier besprochenen Erscheinungen geäußert wurden. So meint Lewald3), daß nur in die Form von Blöckengegossenes Zinn die Eigenschaft besitze, bei starker Kälte zu zerfallen, welche Erscheinung er einer beim Gießen und der nachfolgenden schnellen Abkühlung der Blöcke auftretenden Oberflächenspannung zuschreibt. Daß diese Ansicht nicht die richtige sein kann, geht unmittelbar aus der Mitteilung Fritzsches hervor, daß graues Zinn zuerst durch Erhitzen in die allgemein bekannte weiße Modifikation und hernach wieder in die pulverige, graue Form umgesetzt werden kann.

Textabbildung Bd. 324, S. 90

Oudemans, der 1871 in der Akademie der Wissenschaften in Amsterdam über eine im Winter von Rotterdam nach Moskau verschiffte und dort vollständig in Pulverform angelangte Ladung Zinn berichtet4), kommt zu dem Schluß, daß die Strukturveränderungen auf Rechnung von Erschütterungen und großer Kälte oder von einer dieser beiden Wirkungen für sich zu setzen ist.

Daß große Kälte nicht eine unerläßliche Grundbedingung für die Umwandlung von weißem in graues Zinn ist, erkannte Rammelsberg5) im Jahre 1880 bei einer eingehenden Prüfung der Tatsachen.

Die Meinungen der Verfasser, die sich mit der Frage befaßt haben, gehen weit auseinander. Besonders hatten die Versuche zur Bestimmung der Temperatur, bei welcher die Umwandlung stattfinden sollte, nicht zu übereinstimmenden Ergebnissen geführt, es wurde 35°, 39° und 100° und darüber angegeben. Auffallend

1)

De Ingenieur 1908, Heft 30.

2)

Ausführliche Mitteilungen über die Untersuchungen finden sich Zeitschrift für physikal. Chemie, 30, 601 (1899); 33, 57 (1900); 35, 588 (1900); 36, 513 (1901); 48, 243 (1904); 50, 225 (1904); Chemisch Weekblad, 1, 437 (1904); 2, 450 (1905). Daselbst sind ausführliche Literaturangaben zusammengestellt.

3)

D. P. J. 1870, Bd. 196, 369.

4)

Proc. verb. Kon. Akad. v. Wet. in Amsterdam. Versamml 28. Okt. 1871.

5)

Berliner Akad. Ber. 1880, 225.