Text-Bild-Ansicht Band 329

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DINGLERS POLYTECHNISCHES JOURNAL

Jährlich 52 Hefte in Quart. Abonnementspreis vierteljährlich 6 M., direkt franko unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn 6 M. 65 Pf., für das Ausland 7 M. 30 Pf.
Redaktionelle Sendungen sind zu richten an die Schriftleitung. Berlin W 66, Mauerstr. 80, die Expedition betreffende Schreiben an Richard Dietze, Verlagsbuchhandlung, Berlin W 66.

HEFT 21, BAND 329. BERLIN, 23. MAI 1914. 95. JAHRGANG.

INHALT:

  • Künstlicher Graphit, seine Entstehung und Verwendung im Maschinenbau. Von Dierfel Seite 321
  • Die Monaco-Veranstaltungen. Von Paul Béjeuhr „ 324
  • Ueber Hebel- und Kurbelhubverminderer für den Antrieb der Papiertrommel des Indikators. Von W. Wilke. (Fortsetzung) „ 328
  • Polytechnische Rundschau: Elektrische Antriebe in mechanischen Werkstätten – Ein Kompressor von sehr einfacher Bauart – Die Grundlagen einer rationellen Einsatzhärtung – Nachbesserung und Schadenersatz bei Maschinenlieferungen – Berechnung von elektromagnetischen Lüftungsbremsen – Tenderlokomotive – Frischhalten von Weißbrot Seite 331
  • Bücherschau: Krüger, Volkswirtschaftliches Jahrbuch der Stahl- und Eisenindustrie – Scheid, Die Metalle – Bragg, Durchgang der α-, β-, γ- und Röntgenstrahlen durch Materie – Stephan, Die Drahtseilbahnen – Paucke, Legierungsmetalle – Zehme, Die Eisenbahntechnik der Gegenwart „ 335

Künstlicher Graphit, seine Entstehung und Verwendung im Maschinenbau.

Von Regierungsbaumeister Dierfeld in Berlin-Friedenau.

Man versuchte schon vor langer Zeit, dem gewöhnlichen Schmieröl Graphit zuzusetzen, um so dessen Schmierfähigkeit zu erhöhen. Es ergab sich dabei zwar eine gewisse Oelersparnis, doch konnte diese Schmierung keine praktische Bedeutung erlangen, da hierbei natürlicher Graphit verwandt wurde, welcher durch verschiedene Beimengungen verunreinigt ist. Diese Beimengungen bestehen aus Glimmer, Ton, Kieselerde usw. und können zwar durch besondere mechanische und chemische Verfahren zum Teil ausgeschieden werden, doch gelingt dies nie vollständig. Es ist selbstverständlich, daß eine gute Schmierung nicht stattfinden kann, wenn auch nur ein Teil dieser Verunreinigungen im Graphit zurückbleibt, und es ist hierauf die bisherige sehr geringe Verwendung des natürlichen Graphits im Maschinenbau zurückzuführen. Wenn der Graphit einige Bedeutung für den Maschinenbau gewinnen soll, so muß er eine fast chemische Reinheit besitzen, so fein zerteilt sein, daß er in Flüssigkeiten schwebt, sowie stets in genügender Menge und vollständig gleichmäßiger Qualität erhältlich sein. Diese Bedingungen werden von dem natürlichen Graphit, in welcher Form er auch heute in den Handel kommen mag, in keiner Weise erfüllt. Es gibt kein Verfahren, um alle in diesem Graphit enthaltenen Unreinlichkeiten zu entfernen, auch bei feinster Zerpulverung sind die einzelnen Teilchen immer noch viel zu groß oder haben die Form von großen Blättchen, welche nicht für längere Zeit in irgend einer Flüssigkeit in der Schwebe gehalten werden können. Nun ist der natürliche Graphit je nach dem Orte seiner Gewinnung in der Qualität außerordentlich verschieden, und ist es unmöglich, aus den so verschiedenen Rohprodukten eine gleichmäßige Handelsware zu liefern und noch dazu in genügender Menge.

Der bekannte amerikanische Gelehrte Dr. Edward G. Acheson, ein früherer Mitarbeiter Edisons und Erfinder des Karborundums, fand nun vor einigen Jahren ein Verfahren zur Herstellung von künstlichem fast chemisch reinem Graphit, welcher alle oben angeführten Vorzüge besaß und sich in der Praxis so gut bewährte, daß er in England, Frankreich und Amerika heute in umfassender Weise in allen Zweigen des Maschinenbaues verwandt wird. In Deutschland wird künstlicher Graphit heute nur in bescheidenem Maße benutzt; seine mannigfachen Vorzüge und seine vielseitige Verwendbarkeit sind noch nicht genügend bekannt, weshalb in folgendem näher auf die Entstehung und Eigenschaften des künstlichen Graphits eingegangen werden soll.

Dr. Acheson erzeugte ursprünglich künstlichen Graphit, indem er Karborundum (C Si) im elektrischen Ofen auf eine derartige Temperatur erhitzte, daß das Silizium verdampfte und ausschied. Der so erhaltene Graphit behält die Form des ursprünglichen Karborundum-Blocks, und ist sehr leicht und sehr fettig. Er besitzt jedoch nicht die Fähigkeit, auf Papier Zeichen zu hinterlassen. Um einen brauchbaren Graphit zu erhalten, erhitzte Dr. Acheson im elektrischen Ofen Anthrazitkohle bis auf über 4000° C, und erhielt so harte Massen von Kohlenstoff, welche nicht fettig sind, aber noch den richtigen Graphitcharakter haben. Fast jede Art von künstlichem Graphit zwischen diesen beiden Extremen kann erzeugt werden, indem man auf passende Weise die Versuchsbedingungen ändert. So erhält man einen sehr zähen, künstlichen Graphit, welcher für Ofen-Elektroden brauchbar ist und auf der Drehbank bearbeitet sowie mit Gewinde versehen werden kann. Derartige Elektroden können bis zum letzten Stück aufgebraucht werden, da man einfach auf die alten verbrauchten Stücke neue Längen aufschraubt. Auch können Graphite erzeugt werden, welche sich für Bleistifte eignen, und wegen ihres Freiseins von Unreinheiten den Vorzug vor dem natürlichen Graphit verdienen. Bei dem letzteren ist es praktisch unmöglich, die natürlichen Beimischungen zu entfernen, da z.B. Mika, welches sich sehr häufig findet, dasselbe spezifische Gewicht wie der natürliche Graphit selbst hat. Im elektrischen Ofen erhält man jedoch einen fast reinen Graphit mit einem Kohlenstoffgehalt von über 99,8 v. H.