Text-Bild-Ansicht Band 334

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DINGLERS POLYTECHNISCHES JOURNAL

Jahrlich erscheinen 26 Hefte. Bezugspreis vierteljährlich 6,– M., bei Versendung unter Streifband für Deutschland u. Oesterreich-Ungarn 6 M. 65 Pf., für das Ausland 7 M. 30 Pf.Sendungen für die Schriftleitung Berlin W 15, Darmstädterstr. 9, Anfragen in Bezugs- und Anzeige-Angelegenheiten erbeten an den Verlag der Zeitschrift Richard Dietze, Berlin W 66 Mauerstr. 80 (Buchhändlerhaus).

HEFT 20 BAND 334. BERLIN, 4. OKTOBER 1919. 100. JAHRGANG

INHALT:

  • Zum Ableben Richard Pintsch' Seite 221
  • Die thermodynamischen Grundlagen der Wind- und Wasserkraftmaschinen. Von Professor Dr. Hans Baudisch Seite 223
  • Polytechnische Schau: Fabrikorganisation und Werkstattbetrieb: Ansporn zur Kohlenersparnis – Vereinheitlichung der Abmessungen von Drehbänken – Die Bedeutung des Werkzeuglagers und seiner Organisation für die wissenschaftliche Betriebsführung – Einheitswelle und Einheitsbohrung – Elektrotechnik: Wirbelstromprobleme – Gastechnik: Die Versorgung der Berliner Bahnhöfe mit Leuchtgas – Wasserreinigung: Ein neues System der Gewinnung künstlichen Grundwassers für Wasserversorgungsanlagen – Ausbildung: Richtlinien für die Vorbildung zum höheren Verwaltungsdienst – Wirtschaft: Deutsche Automobilindustrie Seite 228
  • Rechts-Schau: Maßgebend für die Berechnung der Stempelabgabe bei der Pacht eines Fabrikunternehmens ist nicht der gezahlte, sondern der vereinbare Pachtzins Seite 231
  • Bücherschau: Dolezalek, Der Eisenbahntunnel – Glaser, Berechnung von Rahmenkonstruktionen und statisch unbestimmten Systemen des Eisen- und Eisenbetonbaues – Kersten, Der Eisenbetonbau – Mie. Das Wesen der Materie – Lassally, Bild und Film im Dienste der Technik Seite 231

Gedenktage großer Techniker (5. Oktober bis 19. Oktober).

H W. Dove, Physiker, geb. 6. 10. 1803 – Clemens Winkler, Erfinder des Kontaktverfahrens für die Herstellung der Schwefelsäure, gest. 8. 10. 1904 – Emil Maximilian Dingler, gest. 9. 10. 1874 – Joseph Ressel, Erfinder der Schiffsschraube, gest. 10. 10. 1857 – James Prescot Joule, Physiker, gest. 11. 10. 1889 – Robert Stephenson, gest. 12. 10. 1859 – Friedrich Kohlrausch, Physiker, geb. 14. 10. 1840 – Evangelista Torricelli, Physiker, geb. 15. 10. 1608 – Robert Kirchhoff, Entdecker der Spektralanalyse, gest. 17. 10. 1887 – Sir Charles Wheatstone, Physiker, gest. 19. 10. 1875 – G. Pullmann, Erbauer der Pullmann-Eisenbahnwagen, gest. 19. 10. 1897.

Zum Ableben Richard Pintsch'.

Am 6. September 1919 ist in Berlin der Geheime Kommerzienrat Dr.-Ing. h. c. Richard Pintsch im 80. Lebensjahre verstorben.

Richard Pintsch wurde am 19. Februar 1840 in Berlin als Sohn des Klempners Julius Pintsch geboren, der sich 1843 auf dem Stralauer Platz als Meister selbstständig machte. Der Vater war ein tüchtiger, strebsamer Mann, dessen Fleiß und Unternehmungsgeist es ermöglichten, schon 1848 die Häuser 6 und 7 am Stralauer Platz in seinen Besitz zu bringen.

Nach Abschluß der vierklassigen höheren Bürgerschule trat Richard Pintsch im Oktober 1854 mit 14 ½ Jahren im väterlichen Geschäft in die Lehre, die ihm keine Arbeit ersparte und ihn alle Mühen und Sorgen, Leiden und Freuden des einfachsten Arbeiters von Anfang an gründlich kennen lernen und selbst durchkosten ließ. Während der ganzen Lehrzeit wurde Richard Pintsch weiter unterrichtet, so daß es ihm möglich war, mit Abschluß der Lehre auch die Berechtigung zum einjährigen Militärdienst zu erlangen. Gleichzeitig wurde er vom Klempnergewerk nach vierjähriger Lehrzeit als regulärer Klempnergeselle freigesprochen.

Textabbildung Bd. 334, S. 221

Das väterliche Geschäft hatte sich rasch weiterentwickelt, beschränkte sich nicht mehr auf Berliner Bedürfnisse und führte den Vater Pintsch häufig auf Reisen nach außerhalb. Während dessen Abwesenheit mußte der junge Richard ihn geschäftlich und kaufmännisch vertreten, was seiner schnellen Ausbildung und Erziehung zur Selbständigkeit sehr zustatten kam. Mit 19 Jahren machte er schon Geschäftsreisen und führte auswärtige Montagen von längerer Dauer aus. Von 1861 bis 62 genügte er seiner Militärpflicht.

Zurückgekehrt begann Richard Pintsch, selbständig handelnd, in den väterlichen Betrieb einzugreifen. Er stellte für die Gasapparate Normalien auf, entwarf Neukonstruktionen und ließ Modelle anfertigen, die dank ihrer Originalität bis auf den heutigen Tag noch unverändert und mustergültig geblieben sind. Vater Pintsch ließ den drängenden Eifer seines Sohnes gewähren, dessen ungewöhnliche Arbeitskraft und schöpferische Veranlagung erkennend. Das Werk wuchs und aus der Klempnerei und Werkstatt für Gasmesser wurde eine Maschinenfabrik.

Die Fabrikräume auf dem Stralauer Platz waren bald zu klein geworden, die Grundstücke Andreasstraße 7-/73 und später 71 wurden dazu gekauft und 1864 wurde darauf die neue Fabrik errichtet, die den Ruf und den Namen der Firma Pintsch begründete. Schon 1867 stellte Julius Pintsch seine Fabrikate mit Erfolg in Paris aus und tat damit den ersten Schritt in die große Welt. Richard benutzte diese Gelegenheit zu Reisen nach Frankreich und England, von denen er voll neuer Eindrücke und Anregungen zurückkehrte. Diese fanden ihre Umsetzung in die Praxis in den ersten Versuchen mit Wasserstoff- Luftballons, Wasserstoffgaserzeugern, Unterwasserminen, Kontakttorpedos und allen zugehörigen Apparaten.

Die intensive Förderung der Gastechnik und die Verbesserung der dazugehörigen Apparate blieben aber die Hauptanziehungspunkte für die schöpferische Tätigkeit Richard Pintsch'. Mit allen Mitteln strebte er an, dem fast allein dominierenden Einfluß Englands, der sich überall auf dem Kontinent breit gemacht hatte, entgegen zu arbeiten. Deutschland sollte nicht länger nur als Bezieher der fertigen, und meist recht mangelhaft hergestellten Gasapparate figurieren, die, oft kaum eingebaut, versagten und zur Reparatur den Werkstätten Pintsch zur Last fielen. Allen anfänglichen Schwierigkeiten zum Trotz setzten Vater und Sohn die fabrikmäßige Herstellung der Gasmesser und Gaserzeugungsapparate nach eigenen Prinzipien und maßgebenden Verbesserungen und Erfindungen