Text-Bild-Ansicht Band 339

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Polytechnische Schau.

(Nachdruck der Originalberichte – auch im Auszüge – nur mit Quellenangabe gestattet.)

Der Gedanke der Wertarbeit in der deutschen Gütererzeugung. Im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses in Deutschland steht heute die Währungsreform mit ihren Grundlagen: Sparsamkeit in jeder Richtung sowie Hebung der Produktion und dadurch Stärkung unserer Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt. Die Zeiten deutscher „Hochkonjunktur“, die in den letzten Jahren zu herrschen schien, sind vorüber; nur allzusehr bewahrheiten sich die Voraussagen einsichtiger Wirtschaftler, daß es nur eine Scheinblüte wäre. Lediglich die hinter den Weltmarktkursen erheblich zurückbleibende innere Kaufkraft der Mark war die Ursache, daß deutsche Waren, also deutsche Arbeit an das Ausland verschleudert werden konnte. Sehr häufig ließ dabei die Güte der Erzeugnisse erheblich zu wünschen übrig, was sich heute unangenehm bemerkbar macht; denn wir stehen jetzt auf dem Punkt, wo wir uns durch gute und doch billige Erzeugnisse den Weltmarkt neu erobern müssen. Im rechten Augenblick erscheint in Bd. 67 (1923) Nr. 41 der Zeitschr. des Vereins deutscher Ingenieure eine Arbeit von W. Hellmich (Berlin), „Ueber den Gedanken der Wertarbeit in der deutschen Gütererzeugung“, die weiteste Beachtung verdient und der ich die nachfolgenden Gedankengänge entnehme.

Bei der Veranlagung des deutschen Volkes, fleißig und hochwertig zu arbeiten, erscheint als unser wertvollster Besitz die Arbeit unserer Hände und Hirne, zumal durch Wegnahme reicher Rohstofflagerstätten die Menge der im Inlande geförderten Rohstoffe abgenommen hat. Wir werden uns also noch mehr als je auf die Erzeugung arbeitschwerer Fertigerzeugnisse einstellen müssen unter Vermeidung jeder unnötigen Verwendung von Stoff und Energie durch rationellste Fertigung. Zur Erfüllung dieser grundsätzlichen Forderung ergeben sich etwa folgende fünf Hauptaufgaben:

Sparsamste Ausnutzung aller Kraftquellen, insbesondere rationelle Wärmewirtschaft,

weitestgehende Verwendung nationaler Rohstoffe bei wirtschaftlichster Gewinnung und Verarbeitung,

wirkungsvollste Ausnutzung aller Produktionsmittel,

Verbesserung des Wirkungsgrades der Betriebe durch zeitgemäße Organisation,

Befähigung der in der Produktion tätigen Menschen zu Spitzenleistungen.

Die Ausnutzung der Energiequellen, namentlich der Kohle, entspricht meist durchaus nicht dem hohen Stande der deutschen Technik, obwohl gerade auf diesem Gebiete in den letzten Jahren bedeutende technische und wissenschaftliche Fortschritte gemacht worden sind. Die zahlreichen Wärmeberatungsstellen können nur dann etwas ausrichten, wenn die Trägheit der Menschen überwunden ist. Mit gesetzlichem Zwang ist da nichts zu erreichen, viel wichtiger ist die Erziehung dazu, daß die Kohle eine Gottesgabe ist, die man genau so wenig verschwenden darf wie das tägliche Brot, hängt doch an der Kohle das wertvollste Gut, schwere, lebensgefährliche Menschenarbeit. Die Vermeidung von Wärmeverlusten ist also eine der dringlichsten Aufgaben. Eine weitere Quelle großer Verluste muß jedoch ebenso dringend verschlossen werden, das sind die Verluste bei Fortleitung der Energie durch Transmissionen, Getriebe usw. Vielleicht genügt der Hinweis, daß bei einer Anzahl von Versuchen in Tuchfabriken der durchschnittliche Wirkungsgrad der Energieleitung auf nur 37 v. H. festgestellt wurde, um zu zeigen, wieviel auf diesem Gebiet noch geleistet werden kann und muß.

Der Gedanke, Kohle zu sparen, verweist uns logischerweise auf die Pflicht, auch mit den anderen Rohstoffen haushälterisch umzugehen, zumal im ihre Gewinnung meist erhebliche Kohlenmengen erforderlich sind. Bei vielen Konstruktionen im Eisenbau kann erheblich an Gewicht gespart werden, indem die Festigkeit nicht durch Materialanhäufung, sondern durch geschickte Anordnung von Versteifungsrippen zu erreichen gesucht wird; namentlich gilt dies für Werkzeugmaschinen.

Der hohe Preis ausländischer Rohstoffe führt von selbst dazu, daß wir uns nach Möglichkeit auf Materialien beschränken, die im Inland erzeugt werden. Von den Nichteisenmetallen steht hier an erster Stelle das Aluminium, für dessen Verwendung durch die neuen Legierungen Duralumin (Aluminium und Magnesium) und Silumin (Aluminium und Sizilium) große Fortschritte erzielt sind. Es scheint fast, als habe das Sizilium auf das Aluminium ähnlichen Einfluß wie der Kohlenstoff auf das Eisen. Für die Zukunft bieten sich hier große Möglichkeiten, zumal Aluminium zu etwa 7,6 v. H. und Sizilium zu 25 v. H. auf der Erde vorhanden ist gegenüber Eisen, das nur 5 v. H. beträgt.

Die dritte Forderung, wirkungsvollste Ausnutzung aller Produktionsmittel, ist wohl die umfassendste der anfangs genannten fünf Hauptaufgaben. Ihre Erfüllung muß beginnen bei den Arbeitsmitteln, den Werkzeugen, Arbeitsmaschinen und Betriebsanlagen. Der Grundsatz, daß das beste Werkzeug gerade gut genug ist, wenn gute Arbeit geleistet werden soll, ist in Deutschland noch viel zu wenig Allgemeingut, ganz im Gegensatz zu Amerika. Dort legt man auch auf das gute Aussehen der Werkzeuge hohem Wert, denn man weiß, daß der Arbeiter mit einem guten Werkzeug gern arbeitet und es auch entsprechend gut zu behandeln pflegt. Bei uns wird beim Werkzeug-Einkauf, der meist in der Hand technisch wenig ausgebildeter Kaufleute liegt, zu sehr auf den billigen Preis gesehen; hier wäre mindestens Beratung durch Ingenieure erforderlich.

Bei der Instandhaltung der Werkzeuge suchen viele Betriebe die erforderlichen Spezialschleifmaschinen zu ersparen, ohne zu bedenken, daß der ungeschulte Arbeiter viel Werkzeugmaterial verdirbt und daß das Arbeiten mit schlecht geschliffenen Werkzeugen viel teurer wird als häufiges Schleifen. Als unbedingte Forderung ist aufzustellen, daß sämtliche Werkzeuge nur in der Werkzeugmacherei durch Spezialarbeiter, am besten auf Spezialmaschinen, geschliffen werden und daß die Werkzeugausgabe nur scharfe Werkzeuge ausgeben darf, die unter Berücksichtigung des günstigsten Anstellwinkels, genauer Maßhaltigkeit usw. bearbeitet sind. Dann nur dann ist die Werkstätte in der Lage, genaue und gute Arbeit zu liefern bei geringstem Zeit- und Kraftaufwand. Genaue Arbeit ist aber erforderlich, wenn das moderne Bestreben nach Austauschbarkeit aller Teile in die Praxis umgesetzt werden soll. Hauptsächlich zwei Grundlagen sind hierfür erforderlich, gute Werkzeuge und Werkzeugmaschinen und präzise Meßinstrumente. In letzteren stehen wir wohl unübertroffen da durch unsere hoch entwickelte mechanische und optische Industrie, aber auch unsere Werkzeugmaschinen können mit allen Auslandserzeugnissen