Text-Bild-Ansicht Band 342

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Dinglers polytechnisches Journal

Jährlich erscheinen 24 Hefte (ohne Gewähr). Bezugspreis vierteljährlich 3.– ℛℳ (ohne Bestellgeld)

Verlag: Richard Dietze, Berlin W 50, Regensburger Straße 12a. Postscheckkonto Berlin 105102.

Anzeigen: 0,06 Rm. für 1 mm Höhe bei 39 mm Breite.

Heft 7, Band 342 Berlin, Erstes Aprilheft 1927 108. Jahrgang

INHALT:

  • Zum hundertjährigen Bestehen der Gasindustrie in Deutschland. Von Dr.-Ing. A. Sander Seite 73
  • Was ist eigentlich Fließarbeit? Von Dipl.-Ing. Werner Kunz Seite 76
  • Vom Aluminium. Von Prof. Dr. Weilburg Seite 77
  • Polytechnische Schau: Eine neue Pflasterrammmaschine. – Die geplante Straßenbrücke über den Rhein in Köln-Mülheim. – Schwelkoks aus Steinkohle, seine Herstellung und seine Verwendung. – Zur Lage der chemischen Industrie in der Ukraine Seite 78
  • Bücherschau: „Hütte“, II. Band. – Siemens-Jahrbuch 1927. – Taschenbuch für Hütten- und Gießereileute 1927. – Jahrbuch der Brennkraft-technischen Gesellschaft. 6. Bd. 1925. – Elektrotechnikers Notizkalender 1926/27. – Schweißguth, Gesenkschmiede. – Escher, Das Formen und Gießen von Metallen, Eisen und Stahl. – Hugo Fischer, Geschichte, Eigenschaften und Fabrikation des Linoleums. – Günther, Pioniere der Radiotechnik. – Lorenz, Lehrbuch der Technischen Physik. – Pfister, Der Bau des Flugzeuges Seite 81
  • Bei der Schriftleitung eingegangene Bücher Seite 84

Zum hundertjährigen Bestehen der Gasindustrie in Deutschland.

Von Dr.-Ing. A. Sander, Berlin.

Im September 1826 nahm die von der Imperial Continental Gas Association in der Nähe des Halleschen Tores in Berlin errichtete erste Gasanstalt Deutschlands ihren Betrieb auf. Auf Grund eines am 21. April 1825 zwischen dem Kgl. Ministerium des Innern und der Polizei mit der genannten englischen Gesellschaft abgeschlossenen Vertrages war ihr auf die Dauer von 21 Jahren die gesamte Beleuchtung der Straßen Berlins, die bis dahin ausschließlich durch Oellampen erfolgte, übertragen worden. Das Abkommen sah vor, daß alle wichtigeren Straßen und Plätze innerhalb der Ringmauern mit Gaslaternen beleuchtet werden sollten, während in den kleineren Straßen und Gassen die Oellampen beibehalten wurden, doch mußten auch diese von der Gasgesellschaft mit unterhalten werden. Als Entschädigung erhielt die Gesellschaft jährlich den Betrag von 31000 Talern, die Kosten der Rohrverlegung und der Anbringung der Gaslaternen gingen dabei zu ihren Lasten. Diese erste Berliner Gasanstalt verfügte nach einem aus dem Jahre 1833 stammenden Bericht von Spiker über 180 bis 190 Retorten und verarbeitete etwa 50000 preußische Tonnen Steinkohle im Jahre. Obwohl die Einrichtung ursprünglich nur öffentlichen Zwecken zu dienen bestimmt war, so gingen doch auch die Bürger offenbar bald dazu über, die Gasbeleuchtung in ihren Häusern einzuführen, denn in dem oben erwähnten Bericht heißt es, daß im Jahre 1833 neben 1789 öffentlichen bereits 4500 private Gasflammen vorhanden waren.

Daß die erste Gasanstalt in Deutschland von einer englischen Gesellschaft errichtet wurde, ist kein Zufall, sondern darauf zurückzuführen, daß man in England zu jener Zeit auf diesem Gebiete bereits viel weiter war. Schon im Jahre 1810 war in London die Gas Light and Coke Co. gegründet worden, die im Jahre 1812 durch „Royal Charter“ inkorporiert wurde und heute noch in hoher Blüte steht. So ist es denn begreiflich, daß man angesichts der Fortschritte, die die Gasbeleuchtung in England machte, dort bald den Plan faßte, diese neue Industrie auch auf dem Kontinent einzuführen und zu diesem Zweck ein eigenes Unternehmen, die Imperial Continental Gas Association in London, gründete. Diese errichtete zu gleicher Zeit wie in Berlin auch eine Gasanstalt in Hannover, einige Jahre danach folgten die englischen Gasanstalten in Frankfurt a. M., Aachen, Köln und Wien sowie in mehreren Städten Belgiens, Hollands und Frankreichs.

In diesem Zusammenhang muß darauf hingewiesen werden, daß auch in Deutschland schon lange vor dem Auftreten der englischen Gasingenieure an verschiedenen Orten in kleinerem Umfang die Gasbeleuchtung eingerichtet worden ist. So hat schon im Jahre 1811 Professor Lampadius in Freiberg i. Sa. einen Teil der Fischergasse durch sechs Gaslaternen beleuchtet und im Jahre 1816 auf den dortigen Kgl. Amalgamierwerken iu einigen Räumen Gasbeleuchtung eingeführt. Im März 1817 errichtete der Hamburger Kaufmann Joh. Gg. Heise in seinem Hause, in dessen Keller sich eine Weinhandlung befand, Gasbeleuchtung ein. In den Gastzimmern sowie im Flur brannten 15 Gasflammen, und der zur Gaserzeugung: dienende Apparat wurde dem Publikum „gegen einen freiwilligen Beitrag für die Armen“ vorgeführt. Im April 1817 hat dann Heise an den Rat der Stadt Hamburg ein Gesuch gerichtet, in dem er um die Genehmigung zum Bau einer Gasanstalt, die die ganze Stadt versorgen sollte, bat, doch wurde dieses Gesuch abgelehnt. Auch in anderen Städten Deutschlands wurden derartige Versuche in kleinerem Maßstabe mit mehr oder weniger Erfolg angestellt, doch blieb die Gasversorgung einer ganzen Stadt, wie erwähnt, den englischen Unternehmern vorbehalten.

Welch tiefen Eindruck der Ersatz der armseligen Oellämpchen durch die wesentlich heller brennenden Gaslaternen auf unsere Vorfahren vor 100 Jahren gemacht hat, zeigt deutlich der nachfolgende Bericht, den die „Vossische Zeitung“ vom 20. September 1826 enthielt: