Text-Bild-Ansicht Band 343

Bild:
<< vorherige Seite

gesehen werden, daß kein Stahl, der für Gabeln, Messer, Scheren, Rasiermesser oder Schlachtermesser bestimmt ist, in eine falsche Kategorie einläuft. Obwohl in jeder Kategorie nochmals Härteunterschiede des Materials sind, werden diese aber zwischen den einzelnen Kategorien sehr groß. Es Kann z.B. aus Gabelstahl niemals ein schneidendes und schnitthaltendes Messer gefertigt werden. Erst recht aber Können aus dem schon recht harten Scherenstahl keine Qualitätsrasiermesser oder Schlachtermesser gemacht werden. Diese beiden Messerarten werden, und das ist gut so, für den inländischen Gebrauch nur aus Tiegel-Gußstahl hergestellt. Allerdings gibt es auch Warenhäuser, die die billige Exportqualität, gefertigt aus Bessemerstahl, auch hier auf den Markt werfen. Leider – aber es ist so, und der Schein trügt oft. Man sieht es den fertigen Messern nicht mehr an. Auch im schönen Gewande gibt es Stahlwaren, die man vom Zweckmäßigkeitsstandpunkt aus als minderwertige Ware, ja als Schund bezeichnen muß.

Aber nun zurück zum Stahl, dem Ausgangsprodukt aller Stahlwaren. Er geht den Weg allen Stahles. Er wird gestückelt und gespalten, um dann in formgerechten Gesenken die mannigfachsten Solinger Erzeugnisse erstehen zu lassen. Dieser Herstellungsprozeß ist im großen gesehen, gleichbleibend; ganz gleich, ob es sich um Schlachtermesser oder Manikureteile, große und kleine Scheren, um Klingen für Taschenmesser oder um Gabeln oder sonstige Artikel handelt. Die Stücke werden meist warm, die kleineren Stücke auch kalt ins Gesenk geschlagen, entgratet und gehärtet.

Nirgends auf der ganzen Welt wird aber wohl am geschmiedeten Stück, in bezug auf Genauigkeit als auch auf Reinheit der Oberfläche, so hohe Anforderungen gestellt, als an der Rohware der Solinger Erzeugnisse. Dieses hört sich, wenn man es außerhalb Solingens sagt, sehr sonderbar an. Denn so sagt sich doch jeder da draußen: es ist doch ganz gleich, ob die Schere, das Messer, die Gabel usw. etwas dicker oder dünner ist, oder sonstige Dimensionsunterschiede hat. Und doch ist dem nicht so. Jedem aber, der jemals mit Massenherstellung zu tun gehabt hat, leuchtet dieses sofort ein, wenn er hört, daß im Jahre 1927 von Solingen 65779 Dutzend im Werte von 62246000 Mark exportiert worden sind. Der inländische Verbrauch an Stahlwaren, der sich statistisch nicht so leicht erfassen läßt, steht diesem aber kaum nach. Daß aber solche Quantitäten rationell nur in der Reihenherstellung gefertigt werden können, und daß dabei für den jeweilig in Frage kommenden Arbeitsprozeß immer wieder die vorhandenen Einspannwerkzeuge genommen werden müssen, liegt auf der Hand; dadurch ist aber die Genauigkeit und die Oberflächenreinheit der Rohware bedingt.

Weiter werden aber fast alle Waren noch mit Prägungen, Schalen, Heften, Bändern, Backenstücken oder sonstigen Sachen versehen. Deswegen ist auch die Genauigkeit der Rohwaren eine Grundbedingung. Man betrachte nur unter diesem Gesichtswinkel ein Taschenmesser oder eine Schere. Als besondere Kunstfertigkeit bei der Herstellung der Rohwaren muß man noch das Härten von langen Schlachtermessern und Degen betrachten.

Der eigentliche Kontrolleur der Rohwaren und aller Arbeitsprozesse bis zum Fertigstück, sowie der Weiterverarbeiter der Rohware, ist nun der Fabrikant. Weiterverarbeiter ist er aber, in vielen Fällen, nur in bedingtem Sinne. Denn viele Fabrikanten haben nur eine Packstube. Kaufen die Rohware beim Schläger – so nennt man die Hersteller der Rohwaren – und geben sie dann weiter dem Schleifer, Reider, Vernickler usw.

Nun darf man aber nicht glauben, daß mit Schleifen, Reiden, Vernickeln usw. die Sache für den Fabrikanten abgetan ist. O, nein. Es bedarf eines eingehenden Studiums, um durch die Wirrnisse von Arbeitsvorgängen hindurch zu kommen. Um das an einem Stück zu beleuchten, greife ich die Herstellung eines Brotmessers, eine, an und für sich doch sehr einfache Fabrikation, heraus. Solch ein Messer wandert vom Schläger zum Fabrikanten, von dem zum Härter, dann wieder zurück zum Fabrikanten und nun zum Schleifer. Jetzt kauft der Fabrikant beim Schalenschneider die Holzschalen, und diese gehen dann mit den Messern zum Reider. Zurückgekommen zum Fabrikanten nimmt dieses mit Holzschalen versehene Messer den Weg zum Pliesterer. Dieser liefert das am Griff nun fertig gepliestete und polierte Messer wiederum dem Fabrikanten und dieser begibt es dann zum Schluß dem Abzieher. Sechsmal geht also solch ein Messer durch die Hand des Fabrikanten.

So unrationell vielleicht auch manchem diese so aufgezogene, auf dem Boden der Heimindustrie stehende Fabrikation erscheinen mag, so kann man aber vom volkswirtschaftlichen Standpunkt sie nur begrüßen. Und weiter ist trotz vieler Ansätze und Bestrebungen bis jetzt noch nicht erwiesen, daß durch die Zusammenballung aller Arbeitsprozesse in Fabriken die Ware ökonomischer hergestellt werden könnte. Immer hat sich trotz schönster Theorie in der Praxis das Gegenteil erwiesen, und sogar war immer die Ware schlechter.

Nun kann man allerdings nicht im Rahmen dieses Aufsatzes die Grundbedingungen der einzelnen Arbeitskategorien zerpflücken und darstellen, soviel sei aber doch gesagt, daß viele Arbeit in das Gebiet des Kunsthandwerks gehört, oder aber, mindestens mit einem Einschlag davon behaftet ist. Auch hierauf hat der Fabrikant zu achten. Wer z.B. kein mit Talent dafür geborener Schleifer ist, wird nie ein brauchbarer Arbeiter, geschweige denn ein Qualitätsarbeiter, sein. Dasselbe ist beim Gerätschaftsschlosser der Fall. Dieser muß unbedingt Formensinn haben. Auch Graveure und Ziseleure müssen unbedingt Schönheitssinn haben. Daneben gehört aber bei diesen, und fast allen diesen Berufen, eine geschickte und flinke Hand. Ohne die kommt man in Solingen nicht weit, und sie ist auch hier die Quelle, die neben der Materialfrage die Qualitätsunterschiede schafft. Diese, in der Fabrikation begründeten Qualitätsunterschiede sind nun selbstverständlich auch im Kaufpreisverzeichnis berücksichtigt.

Daneben besteht aber eine Fülle von Möglichkeiten, und das ist ein dunkleres Kapitel, Schundwaren herzustellen. Darauf will ich nicht eingehen.