Text-Bild-Ansicht Band 346

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Dinglers polytechnisches Journal

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Band 346, Heft 6 Berlin, Juni 1931 112. Jahrgang

Elektrotagung.

In Frankfurt am Main tagte am 22. Juni 1931 die deutsche Elektrotechnik.

Der Verband Deutscher Elektrotechniker, (VDE.), der, wie bekannt, die Sicherheitsbestimmungen für die Errichtung elektrischer Anlagen und die Herstellung elektrischer Geräte herausgibt, hatte gemeinsam mit der Vereinigung der Elektrizitätswerke zu einer Elektrotagung in Frankfurt am Main aufgerufen. Zu gleicher Zeit tagten ferner in Frankfurt der Zentralverband der Deutschen Elektrotechnischen Fabriken, die Vereinigung der Elt-Fabriken und die Vereinigung der Elektrotechnischen Spezialfabriken, um nicht nur das 50jährige Bestehen der Elektrotechnischen Gesellschaft in Frankfurt am Main, die bedeutende Leistungen auf dem Gebiet der Entwicklung der Elektrotechnik aufzuweisen hat, sondern auch die Erinnerung an die vor 40 Jahren in Frankfurt am Main erfolgte Eröffnung der Internationalen Elektrotechnischen Ausstellung zu feiern.

Frankfurt hat in den 50 Jahren der Entwicklung der elektro-technischen Industrie einen besonders hervorragenden Anteil an den gemachten Fortschritten gehabt. Die Tagung war daher zu einem großen Teil einem historischen Rückblick gewidmet, da die deutsche Elektrotechnik allen Grund hat, mit Stolz auf die vergangenen 50 Jahre zu blicken. Daß dies der Fall ist, erweist besonders die umfangreiche, von Professor Ruppel, gemeinsam mit der Elektrotechnischen Gesellschaft in Frankfurt am Main verfaßte historische Denkschrift, die in einem starken Band von 120 Seiten so recht den Fortschritt erkennen läßt, den die Elektrotechnik in den vergangenen Jahrzehnten gemacht hat. Besonders lehrreich ist hierbei die von Professor Ruppel mit großer Sorgfalt gemachte Gegenüberstellung gleichartiger Erzeugnisse aus den Jahren 1891 und 1931, die er auf 24 Tafeln seiner historischen Denkschrift über die Geschichte der Elektrotechnik beifügt.

Der Vorsitzende des VDE., Professor Dr. Petersen, AEG., konnte daher mit Recht in seiner Begrüßungsansprache zum Ausdruck bringen, daß die gesamte deutsche Elektrotechnik mit besonderer Genugtuung auf ihre Entwicklung zurückblickt.

Geheimrat Dr. Oskar von Miller berichtete auf Grund persönlicher Erinnerungen über die geschichtliche Entwicklung der Kraftübertragung auf weite Entfernung. Die erste dieser Kraftübertragungen wurde zwischen Miesbach und München (57 km) von dem Franzosen Marcel Deprez ausgeführt. Es war dem damaligen Stande der Technik entsprechend eine Gleichstromübertragungmit einer Spannung von 1500–2000 Volt, deren technisches Gelingen eine außerordentliche Begeisterung hervorrief, wenngleich ihr Nutzeffekt nur ein sehr geringer war. Die Versuche wurden in größerem Maßstabe zwischen Creil und Paris mit Spannungen bis 6000 Volt wiederholt. Der Schweizer Thury erzielte die für einen Transport größerer Kräfte auf weite Entfernung nötige hohe Spannung durch Hintereinanderschalten mehrerer Maschinen, die Abnahme der Kraft erfolgte in ähnlicher Weise durch mehrere hintereinandergeschaltete Motore. Eine neue Entwicklung setzte ein mit den von Goulard erfundenen und von Zipernowsky, Déri und Blathy verbesserten Transformatoren, wobei Wechselströme von niedriger Spannung zwecks Uebertragung auf hohe Spannung transformiert und am Ende der Fernleitung wieder in die niedrige Gebrauchsspannung zurückverwandelt wurden. Aber immer noch war die Wirtschaftlichkeit der Stromübertragung auf weite Entfernung nicht erwiesen und von Miller benützte deshalb die unter seiner Leitung durchgeführte Frankfurter Ausstellung im Jahre 1891, um einen durchschlagenden Kraftübertragungsversuch seitens der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft und der Firma Oerlikon in die Wege zu leiten. Dieser Versuch hatte einen vollen Erfolg. Es wurde eine Kraft von 235 PS vom Elektrizitätswerke Lauffen nach Frankfurt auf 178 km mit einer Spannung von 25000 Volt und mit einem Nutzeffekt von 75 % übertragen.

Die praktische Auswirkung erfolgte alsbald durch Ausbau billiger Wasserkräfte und Verwendung minderwertiger Zechenkohlen, deren Kraftleistung in vielen Kilometer Entfernung ausgenützt werden konnte. In der Folge haben Amerika und Deutschland immer höhere Spannungen für den Transport, immer größere Kräfte auf immer weitere Entfernung miteinander gewetteifert. In Deutschland fand die erste Uebertragung mit 50000 Volt Drehstrom vom Uppenbornwerk nach München statt. Die erste 100000 Volt-Uebertragung in Europa war diejenige von Lauchhammer nach Riesa. Die ersten Anlagen mit 220000 Volt errichtete das Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk im Jahre 1922 zwischen Ronsdorf und Lethmate. Das gleiche Unternehmen hat die erste Leitung der Welt für eine Spannung von 380000 Volt zur Uebertragung der Vorarlberger Wasserkräfte nach den Industriegebieten des Rheinlandes erbaut.

Von gleicher Wichtigkeit wie die Kraftübertragung ist die Kraftverteilung. Der Vortragende erinnerte an die großen Schwierigkeiten, die bei den ersten Elektrizitätswerken zu überwinden