Titel: Vorbericht
Fundstelle: 1874, Band 214
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/journal/preface/pj214

Nekrolog.

Dr. Emil Maximilian Dingler.

Die technische Literatur hat durch das am 9. October 1874 erfolgte Ableben des Dr. Emil Maximilian Dingler einen großen Verlust erlitten. Vierundvierzig Jahre lang der leitende Geist und die leitende Kraft des Polytechnischen Journals war der Verewigte mit der fruchtreichsten Entwickelungsperiode deutscher Industrie auf das Innigste verknüpft, und sein Andenken wird fortleben als das eines höchst verdienten Förderers dieser Industrie. Die von seinem Vater gegründete, durch ihn selbst mit unermüdlicher Thätigkeit und Ausdauer gehobene und bis ans Lebensende fortgeführte Zeitschrift ist vermöge ihres zur Zeit bereits mehr als halbhundertjährigen Bestehens und des von ihr gestifteten unermeßlichen Nutzens ein glänzendes Monument deutschen einsichtsvollen Fleißes. Es möge erlaubt sein, einen Rückblick zu werfen auf deren Entstehung und Ausbildung.

Die Gründung des Polytechnischen Journals mit Beginn des Jahres 1820 fiel mit dem Zeitpunkte zusammen, wo, nach Abschluß eines langen, durch politische Wirren und zerstörende Kriege der technischen Literatur feindseligen Zeitraumes, Deutschland des Friedens und seiner Wohlthaten zu genießen anfing. Es war damals der Moment, in welchem die Industrie unseres großen Vaterlandes mit kräftigem Flügelschlage einen neuen Aufschwung zu nehmen begann. Der wieder eröffnete materielle und geistige Verkehr mit den anderen Industrie-Staaten, namentlich England und Frankreich, gewährte von da an die Möglichkeit, alle Fortschritte des Auslandes auf dem gewerblichen Gebiete dem deutschen Volke zuzuführen. Herausgeber und Verlagshandlung des „Polytechnischen Journals“ hatten mit richtigem Tacte erkannt, daß es jetzt galt, ein Organ für jene Mittheilungen zu schaffen, und dem Gedanken folgte die That.

Gleichwohl war die Herstellung der neuen Zeitschrift mit nicht geringen Schwierigkeiten verbunden. Wenn man sich des ärmlichen Zustandes erinnert, in welchem die periodische Literatur des Gewerbewesens vor 1820 sich befand, so begreift man, daß es nicht darauf ankam, auf Bestehendem etwa fortzubauen, die Zahl der vorhandenen technischen Zeitschriften etwa mit einem anderen gleichartigen Unternehmen zu vermehren; daß vielmehr eine Schöpfung nach neuem, weit umfassenderem Plane Bedürfniß war. Nöthig wurde vor allem die Sammlung aller in den fremden Ländern auftauchenden werthhaften Erfindungen und Verbesserungen, nöthig aber auch ein allgemeiner Sprechsaal für das deutsche industrielle Publicum selbst, welches sich bis dahin so wenig nach dieser Richtung thätig erwiesen hatte. Das „Polytechnische Journal“ sollte nicht nur Fremdes auf deutschen Boden verpflanzen, sondern auch die Leistungen der Heimat berichten und bekannt machen. In beiderlei Beziehung mußte erst Bahn gebrochen werden, und waren nebst einer umsichtigen, gewandten, thätigen Redaction auch sprach- und sachkundige Mitarbeiter der verschiedensten Zweige erforderlich. Außerdem mußte die Theilnahme des lesenden Publicums errungen werden, welches zu großem Theile in einer Art von Apathie schlummernd lag und selbst nicht wußte, was es bedurfte.

Dingler der Vater hatte also auf allen Seiten mit Hindernissen Zu kämpfen, und es würde deshalb ungerecht sein, wollte man manche Unvollkommenheiten und Lücken der ersteren Jahrgänge des „Polytechnischen Journals“ einer zu strengen Beurtheilung unterwerfen.

Da trat mit dem Jahre 1831 eine junge, tüchtig vorbereitete Kraft in der Person des Sohnes Emil Maximilian Dingler an die Seite des Begründers der Zeitschrift, um bald nachher – von 1840 an – allein und selbständig die Redaction zu führen. Die große Mehrzahl der außerordentlichen und raschen Fortschritte, welche das Journal in seinem Gehalte wie in seiner Aeußerlichkeit gemacht hat, sind das Verdienst dieses ungewöhnlichen Mannes. Der mit Anfang des Jahres 1826 eingetretenen Vergrößerung des Umfanges von 3 auf 4 Bände im Jahrgange, unter gleichzeitiger Vermehrung der jährlichen Hefte von 12 auf 24, folgte eine sehr gehobene Ausstattung in Papier, Druck und Figurentafeln. Die Reichhaltigkeit und gute Bearbeitung des Textes zeigte sich bald allen Anforderungen gewachsen. Zahlreiche treffliche Originalmittheilungen flossen zu. Die alphabetischen Jahres-Register – so nothwendig bei der ungemeinen Menge der Artikel – wurden seit 1853 durch Trennung in ein Sach- und ein Namen-Register verbessert. Vortrefflich gearbeitete General-Register über ganze Bändereihen kamen i. J. 1843 für Bd. 1–78; i. J. 1853 für Bd. 79–118; i. J. 1861 für Bd. 119–158; i. J. 1871 für Bd. 159–198. So ist nachgerade das „Polytechnische Journal“ zu einer unschätzbaren Bibliothek herangewachsen, in welcher man selten vergebens etwas suchen wird, was in den letztvergangenen 55 Jahren als bemerkenswerth auf den betreffenden Wissensgebieten vorgekommen ist; und die bestimmte Aussicht liegt vor, daß durch die letzten Anordnungen des Verstorbenen derselbe Charakter des Werkes für die Folge gewahrt bleiben wird. Wer aus eigener Erfahrung auch nur einige Kenntniß von Redactions-Sorgen und Mühen erlangt hat; wer zu würdigen versteht, welche angreifende Thätigkeit erforderlich ist, um eine Stoffmasse gleich der des „Polytechnischen Journals“ zu sammeln, zu sichten, zu bearbeiten, von Mitarbeitern geliefertes zu controliren, Druck und Zeichnungen zu corrigiren, und dabei ein Menschenalter hindurch jährlich 24 Lieferungen pünktlich zur bestimmten Zeit dem Publicum zu übergeben, – der muß staunen vor der Arbeitskraft, Liebe und Ausdauer des verewigten Dingler.

Zu solchen Leistungen wurde er, nebst der natürlichen Anlage und Organisation, durch seinen Bildungsgang in Stand gesetzt, wie die folgenden biographischen Notizen erkennen lassen werden.

Emil Maximilian Dingler wurde zu Augsburg am 10. März 1806 geboren als ältester Sohn des Dr. Johann Gottfried Dingler, welcher i. J. 1800 in der genannten Stadt als Apotheker sich etablirt hatte, 1806 eine Fabrik chemischer Producte errichtete, später eine Kattundruckerei betrieb, verschiedene Schriften über Färberei und Zeugdruckerei herausgab, und i. J. 1820 das „Polytechnische Journal“ gründete.1)

So vielseitige wissenschaftliche und praktische Thätigkeit des Vaters konnte nicht ohne bestimmenden Einfluß auf die Richtung des Sohnes bleiben. An diesem zeigte sich schon in frühen Jahren eine ungewöhnliche geistige Begabung, mit welcher er in den Gymnasialschulen einen solchen Fleiß verband, daß er bei seinem Fortschreiten zweimal eine Classe überspringen durfte, indem er die Ferienzeit verwendete, um sich dasjenige zu eigen zu machen, was für die anderen Schüler die Aufgabe eines ganzen Jahres war.

So absolvirte Dingler das Gymnasium zu Augsburg schon in dem Alter von 16 Jahren und 7 Monaten. Er bezog hierauf im Herbste 1822 die Universität zu Landshut, wo er im Hause eines vertrauten Freundes seines Vaters, des Hofraths Professors Dr. Schultes 2) gastliche Aufnahme fand und ein Jahr verblieb. Damals erwarb er sich die Freundschaft hervorragender Männer an der Hochschule, wie Fuchs 3), Buchner 4) u.a., durch seinen wissenschaftlichen Eifer wie durch seine Bescheidenheit – eine Eigenschaft, welche zeitlebens eine Zierde seines edlen Charakters blieb.

Von Landshut begab sich Dingler im Herbste 1823 nach Erfurt, wo nebst Anderen besonders Trommsdorff 5) ihn anzog; 1824–25 studirte er in Berlin, woselbst er Aufnahme im Gewerbinstitute fand (eine Begünstigung, welche damals nur ausnahmsweise den Nichtpreußen zu Theil wurde); 1825–26 war er in Göttingen, wo er Stromeyer 6) und Mayer 7) hörte und nach Vollendung der Studien durch Lösung einer Preisaufgabe (über die Eigenschaften des Chlorkalkes und das Verhalten des Chlors zu den Hydraten der Metalloxyde8)) sich rühmlich hervorthat.

Reich an Wissen kehrte Dingler gegen Ende des Jahres 1826 in das elterliche Haus zurück, stand seinem Vater thätig in Führung des chemischen Geschäfts zur Seite und bereitete sich für das Doctor-Examen, sowie für die Leitung des „Polytechnischen Journals“ vor. Er wurde Ende 1829 in Erlangen zum Doctor der Philosophie promovirt (das Diplom ist vom 9. December 1829) und begab sich nun auf eine längere Studienreise nach Frankreich, Belgien, England, Schottland, Holland, Deutschland, theils um sich mit hervorragenden Gelehrten, theils um sich mit Gewerbe und Industrie bekannt zu machen. Im Spätherbste 1830 traf er – nachdem er zu London die Blattern überstanden hatte – glücklich in der Heimat wieder ein.

Mit Beginn des Jahres 1831 widmete sich – wie bereits erwähnt – Dingler der Redaction des „Polytechnischen Journals“, welches er vom 78. Bande (1840) an in seine alleinige Hand nahm, um es Ende März 1874 (Bd. 211) seinen Nachfolgern zu übergeben. Vom Eintritt in die Redaction an gab sich Dingler dem Journal eifrigst mit Aufopferung aller seiner Kraft und Thätigkeit hin, wobei er, durch seine vielseitigen Kenntnisse und ein außerordentliches Gedächtniß unterstützt, das Unternehmen immer mehr hob und zu allgemeinerer Geltung brachte.

Im Jahre 1854 war Dingler Vorsitzender und Referent einer Abtheilung der VII. Gruppen-Jury bei der deutschen Industrie-Ausstellung zu München, und auf diesen Anlaß wurde ihm zur Anerkennung so vieler und großer Verdienste um Gewerbe und Wissenschaft der bayerische St. Michaels-Orden vom König Maximilian II. verliehen.

Begabt mit einer rüstigen dauerhaften Gesundheit setzte Dingler seine Thätigkeit, welche sich gänzlich auf das Journal concentrirte, selbst bei zunehmenden Jahren mit ungeminderter Geistesfrische fort. Im Sommer 1873 hemmte wohl ein Krankheitsanfall diese rastlose Beschäftigung, allein vom Krankenlager aus – auf welchem er in Folge eines leichten Schlaganfalls mehrere Tage lang des Augenlichtes beraubt war und daher weder schreiben noch lesen konnte – leitete er mit größter Anstrengung dennoch die Herausgabe des Journals ohne irgend einen fachmännischen Beistand. Er erholte sich etwas im Herbste, allein sein erschütterter Zustand und das Zureden der ihm Nächststehenden brachten allmälig den Entschluß zur Reife, die Redaction mit Ende März 1874 niederzulegen.

Von vielen Seiten liefen auf diese Veranlassung Anerkennungen und freundliche Wünsche „für einen langen frohen Lebensabend“ ein, unter Anderen von dem Verein deutscher Ingenieure, mehreren Bezirksvereinen desselben, dem deutschen polytechnischen Verein in Prag, dem Ingenieur- und Architecten-Verein daselbst, dem technischen Verein in Chemnitz, dem Rectorate der polytechnischen Schule in Brünn, dem Gewerbverein daselbst, der Direction des polytechnischen Centralvereins in Würzburg, dem physikalischen Verein in Frankfurt a. M., dem polytechnischen Verein in München, der königl. Centralstelle in Stuttgart etc.

Einige Wochen, nachdem Dingler die aufreibende Arbeit der Redaction auf jüngere Kräfte übertragen hatte, wurde er bettlägerig am Altersbrande. Die Gefährlichkeit seines Zustandes nicht ahnend, tröstete er sich mit einer Entzündung der Zehe, welche bald nachlassen müßte, freute sich endlich nach vielen Jahren voll Mühe und Hingebung eines ruhigen Landaufenthaltes genießen zu können, und machte noch mancherlei Projecte. Wirklich schien das Uebel sich begrenzen und die drohende Gefahr für diesmal vorübergehen zu wollen; als aber auch der zweite Fuß ergriffen wurde, nahmen die Kräfte rasch ein Ende.

So sehr jedoch war dem Kranken das „Polytechnische Journal“ gleichsam ein Bestandtheil seiner Persönlichkeit geworden, daß er sogar unter den Schmerzen des Siechbettes nicht aufhörte, mit demselben sich zu beschäftigen und dafür zu sorgen. Beweis sind vier in dieser Zeit durch ihn bearbeitete Artikel9), von welchen der letzte nur zehn Tage vor seinem Tode aus seiner Hand kam. Seine Geisteskräfte blieben denn auch frisch bis zum Morgen des Todestages. An den Augen gelähmt, erkannte er doch auf Zuruf die Personen der Umgebung, und seine letzten Worte galten der Sache, für welche er sein Leben eingesetzt hatte:

Es wird alles recht, alles gut mit dem Journal“!!

Er verschied sanft, ohne Todesahnung, Freitag den 9. Oktober 1874, Nachmittags um 1 Uhr 40 Minuten. –

Dingler war seit 1838 vermählt und führte mit seiner ihn überlebenden Gattin – Christiane geb. Fikentscher, Tochter des Fabrikbesitzers Wolfgang Fikentscher in Redwitz – eine 36jährige glückliche Ehe, die jedoch kinderlos blieb. – Die den Dahingegangenen persönlich näher kannten, rühmen seinen Edelsinn, seine Bescheidenheit und außerordentliche Gewissenhaftigkeit. Ein schöner sprechender Zug seines Charakters, dessen Mittheilung wir dem dadurch betroffenen Freunde verdanken, verdient erzählt zu werden: Dingler schoß einem jüngeren Gelehrten, als dieser eine längere Studienreise antrat, eine ansehnliche Summe – gegen 1500 Gulden – vertrauensvoll vor, ohne irgend eine Bürgschaft für die Rückzahlung (z.B. im Falle einer etwaigen Verunglückung) zu verlangen, obschon er den Empfänger nicht persönlich, sondern nur durch eine vierjährige literarische Verbindung kannte.

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In tiefgefühlter Anerkennung der hohen Verdienste des Abgeschiedenen, dessen Name beim Redactionswechsel auch äußerlich mit dem Journale für immer verknüpft wurde, hat die Verlagshandlung beschlossen, dem vorstehenden Nachrufe Dingler's Bildniß der ganzen Auflage des Journals beizugeben. Das unter demselben stehende Motto ist nach eigenhändiger Unterzeichnung eines Bildes verkleinert, welches der „Technische Verein in Augsburg“, aus Anlaß der Ernennung Dingler's zum Ehrenmitgliede desselben, auf photographischem Wege vergrößern ließ.

K. Karmarsch.

Einen Nekrolog dieses verdienten Mannes enthält der 138. Bd. des Polytechnischen Journals, Seite 396–400.

Ueber den interessanten, wechselvollen Lebenslauf dieses geistreichen und vielseitigen Gelehrten, welcher auch dem „Polytechnischen Journal“ eine thätige Theilnahme widmete, gibt der Nekrolog im 42. Bande dieser Zeitschrift, S. 222–232, Auskunft.

Johann Nepomuk Fuchs, seit 1805 Professor der Chemie und Mineralogie in Landshut, von 1826 an in München, zuletzt Geheimerrath; verstorben 1856.

Johann Andreas Buchner, Professor der Pharmacie in Landshut, dann in München; verstorben 1852.

Johann Bartholomäus Trommsdorff, Professor der Chemie zu Erfurt; verstorben 1837.

Friedrich Stromeyer, Professor der Chemie und Pharmacie, gestorben 1835.

Johann Tobias Mayer, Professor der Physik, gestorben 1830.

Abgedruckt im Polytechnischen Journal, Bd. 26 S. 223–258.

Neue Chromoxyd-Beize, Bd. 213 S. 234. Ueber essigsalpetersaures Chromoxyd, Bd. 213 S. 237. Das Schmelzen eines großen Zaines Platin-Iridium, Bd. 213 S. 337. Ueber directe Verbindung der Chromsäure mit Wolle und Seide, Bd. 214 S. 76.

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